Wie die HANZ Stiftung Ausbildungsnetzwerke neu denkt – und was HR davon lernen kann

Wie die HANZ Stiftung Ausbildungsnetzwerke neu denkt – und was HR davon lernen kann

Was passiert, wenn ein Unternehmens-Netzwerk nicht nur über Fachkräftemangel redet, sondern seit über 20 Jahren konkrete Lösungen entwickelt? HANZ – das Hamburger Ausbildungs-Netzwerk Zukunft – macht es vor. Unter anderem mit digitalen Plattformen, die Jugendliche direkt mit Berufsbotschaftern vernetzen, einer Integration ins Hamburger Schulsystem und einem Kuratorium, in dem Schulsenatorin und Kammerpräsidenten gemeinsam Beschlüsse fassen. Maren von Nordeck, Vorstandsvorsitzende der aus der Otto Group entstandenen Stiftung, erklärt im Interview, warum klassische Berufsorientierung nicht mehr funktioniert, welchen konkreten Mehrwert Unternehmen durch die Netzwerk-Teilnahme haben und warum „Skills-based Hiring“ auch für die Ausbildung zum Game Changer wird.

Wir wünschen Euch viel Spaß und Inspiration beim Interview!

Frau von Nordeck, Sie sind Vorstandsvorsitzende der HANZ Stiftung und Direktorin vom HANZ-Netzwerk. Können Sie uns kurz erzählen, wie Ihr persönlicher Weg zu diesen Aufgaben verlief?

Sehr gerne. Mein Weg zu HANZ war eigentlich weniger geplant als vielmehr von Begegnungen und Herzensanliegen geprägt. Bevor ich zur Stiftung kam, habe ich mich über mehrere Jahre hinweg bei dem Verein werte erleben in Hamburg engagiert. Dort ging es um mehr als nur klassische Jugendarbeit – wir wollten Werte wie Respekt, Verantwortung, Vertrauen und Mut nicht nur vermitteln, sondern erlebbar machen. Durch gemeinsame Projekte mit Jugendlichen und älteren Menschen aus ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen und die Leitung des Vereins habe ich viel gelernt.

Diese Erfahrungen haben mich stark geprägt, gerade im Hinblick auf die Förderung junger Menschen. Und dann kam eines Tages ein Kollege bei Otto auf mich zu, dessen Sohn bei einem unserer Projekte mitgemacht hatte, und meinte ganz direkt: „Sag mal, hättest du nicht Lust, dich mit dem Übergang von Schule in den Beruf zu beschäftigen – gerade für Jugendliche, die es schwerer haben?“ Das hat sofort bei mir etwas ausgelöst. Ich habe gemerkt: Genau da will ich ansetzen.

So kam ich zu HANZ – einem bundesweiten Netzwerk, das sich mit den großen Fragen rund um den Fachkräftemangel beschäftigt und ganz konkret an der Berufsorientierung für junge Menschen arbeitet. Es war weniger ein Karriereschritt als vielmehr eine bewusste Entscheidung für ein Thema, das mir wirklich am Herzen liegt.

Was genau macht HANZ und wie würden Sie jemandem, der noch nie davon gehört hat, die Stiftung in wenigen Sätzen beschreiben?

HANZ steht für „Ausbildungsnetzwerk Zukunft“ – ein handlungsorientiertes bundesweites Unternehmens-Netzwerk, das sich seit vielen Jahren für Lösungen gegen den Fachkräftemangel engagiert. Unser Fokus liegt besonders auf dem Übergang von Schule in den Beruf. Wir bringen Schulen, Unternehmen und Institutionen zusammen und entwickeln praxisnahe Angebote für Jugendliche, um ihnen Orientierung zu geben, Einblicke in Berufsfelder zu ermöglichen und den Zugang zu Ausbildung zu erleichtern. Mit unserer digitalen Plattform für Berufsorientierung vernetzen wir engagierte Berufstätige mit jungen Menschen – direkt, persönlich und zeitgemäß. HANZ hilft jungen Menschen, ihren beruflichen Weg zu finden – und Unternehmen dabei, Fachkräfte von morgen zu gewinnen.

Auch wenn wir im Kontext der Otto Group entstanden sind, arbeitet das HANZ Netzwerk doch unabhängig von einzelnen Unternehmen. Wir setzen uns für die Sache an sich ein: eine bessere, gerechtere Berufsorientierung für alle Jugendlichen. Was HANZ einzigartig macht: Unsere Plattform ist im Hamburger Schulsystem in den Unterricht integriert. Und zwar im Fach „Berufs- und Studienorientierung“. Das zeigt, wie erfolgreich Zusammenarbeit mit allen Bildungsbeteiligten sein kann. Und weil wir digital arbeiten, ist eine bundesweite Nutzung jederzeit möglich – barrierefrei, auch sprachlich. Aber all dies funktioniert nur durch Spenden, die wir bekommen und mit engagierten Menschen, die bereits sind sich mit Ihrem Wissen und Ihrer Zeit bei uns als Jobbotschafter zu engagieren.

Eine Registrierung als Jobbotschafter ist hier möglich.

HANZ unterstützen und für eine bessere Ausbildungszukunft spenden.

Es gibt verschiedene Netzwerke im Bereich Ausbildung und Nachwuchsförderung – etwa Kammern, Brancheninitiativen oder regionale Projekte. Worin unterscheidet sich HANZ von solchen Strukturen?

Das Besondere an HANZ ist unsere unabhängige, unternehmensgetriebene Perspektive. Während Kammern, Brancheninitiativen oder regionale Projekte oft institutionell oder lokal gebunden sind, agiert HANZ bundesweit, flexibel und praxisnah. Wir verstehen uns als Impulsgeber und Vernetzer, die strukturelle Herausforderungen früh erkennen und konkrete, umsetzbare Lösungen entwickeln – oft gemeinsam mit Partnern aus Wirtschaft, Bildung und Politik, aber immer mit dem Fokus auf die Bedürfnisse der Jugendlichen und Unternehmen. Ein weiterer Unterschied: Wir arbeiten stark digital, etwa mit unserer Plattform meinjobbotschafter, welche direkte, niedrigschwellige Kontakte zwischen Jugendlichen und Berufstätigen ermöglicht, unabhängig von Ort oder Institution. HANZ denkt über bestehende Strukturen hinaus, verbindet sie sinnvoll und bringt Bewegung in festgefahrene Prozesse.

Warum sollten Unternehmen Teil von HANZ werden? Was bringt es ihnen konkret, sowohl mit Blick auf HR und Employer Branding als auch auf die Gewinnung von Auszubildenden?

Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, passende Auszubildende zu finden und sich gleichzeitig als attraktive Arbeitgeber zu positionieren. HANZ bietet ihnen beides: Reichweite und Relevanz genau dort, wo junge Menschen Orientierung suchen. Durch die Beteiligung an unserer digitalen Plattform für Berufsbotschafter können Unternehmen authentische Einblicke in ihre Ausbildungsberufe sowie über ihre eigenen Mitarbeitenden geben, die als echte Rollenvorbilder auftreten. Das schafft Vertrauen, Nähe und ein modernes Bild nach außen und stellt einen echten Mehrwert fürs Employer Branding dar. Zugleich unterstützen wir Unternehmen dabei, frühzeitig in Kontakt mit motivierten Jugendlichen zu kommen, insbesondere auch mit Zielgruppen, die über klassische Wege schwer erreichbar sind. So entstehen Kontakte, Praktika, Bewerbungen. Kurz gesagt: ein nachhaltiger Zugang zu Nachwuchstalenten. Darüber hinaus profitieren Unternehmen vom Austausch im Netzwerk, von innovativen Impulsen zur Nachwuchsgewinnung und von einem starken gesellschaftlichen Signal: Engagement für die Fachkräfte von morgen.

Wenn ein Unternehmen heute sagt: „Wir möchten mitmachen“ – was sind die ersten Schritte?

Einfach eine E-Mail an info@hanz.hamburg schicken und dann melden wir uns gerne und besprechen, was das Unternehmen für Vorstellungen hat. Die Teilnahme an unseren Aktivitäten ist für alle Unternehmen und Einzelpersonen kostenfrei, und es entstehen keinerlei Verpflichtungen.

Regelmäßig organisieren wir digitale Netzwerktreffen auf bundesweiter Ebene, bei denen wir uns zu verschiedenen Aspekten der Ausbildung austauschen und neue Entwicklungen vorantreiben. Dabei teilen wir Best-Practice-Beispiele, bilden Arbeitsgruppen zu aktuellen Herausforderungen und unterstützen uns gegenseitig. Jeder Teilnehmer bringt sich entsprechend seiner zeitlichen Kapazitäten und Expertise ein – sei es durch aktives Mitwirken oder durch das Teilen von Wissen.

Können Sie ein oder zwei Beispiele nennen, wo durch die Arbeit von HANZ echte Veränderungen oder Erfolge sichtbar geworden sind?

HANZ (früher Hamburger Hauptschulmodell) besteht seit 2001 und hat bereits mehrfach gezeigt, wie gezielte Unterstützung und passgenaue Begleitung junge Menschen erfolgreich in Ausbildung bringen können. Ein Beispiel ist die verbesserte Übergangsquote von ESA (Erster Schulabschluss) Schüler:innen (Hauptschüler:innen) in Ausbildung oder weiterführende Maßnahmen. Dies wird seit Jahren in Reportings der Schulbehörde dokumentiert. Durch individuelle Beratung, enge Kooperation mit Unternehmen und praktische Begleitung während des Übergangs wird die Ausbildungsreife deutlich gestärkt. Viele Jugendliche schaffen auf diesem Weg den erfolgreichen Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt. Im Kuratorium von HANZ sitzen Handelskammer-/Handwerkskammerpräsident, die Hamburger Schulsenatorin und Vertreter von großen Unternehmen. Durch diese hochkarätige Besetzung ist es uns möglich, nicht nur Themen anzusprechen, sondern auch direkt zu verabschieden und umzusetzen.

Seit Beginn des Hamburger Hauptschul-Projektes haben sich unzählige weitere Initiativen gegründet, die den Grundgedanken von HANZ verfolgen.

Wie erleben Sie die Jugendlichen, die heute in die Ausbildung starten, und welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich daraus für HANZ und die beteiligten Unternehmen?

Jugendliche, die heute in die Ausbildung starten, sind vielseitig, reflektiert und digital sehr affin. Sie bringen ein ausgeprägtes Wertebewusstsein mit und suchen nicht nur nach einem Job, sondern nach Sinn, Entwicklung und Perspektive. Gleichzeitig erleben wir, dass viele von ihnen durch die Vielzahl an Möglichkeiten verunsichert sind. Es fehlt oft an Orientierung, klaren Informationen und persönlichen Ansprechpartnern.

Diese Mischung aus Potenzial und Unsicherheit ist eine große Chance für Unternehmen, wenn sie bereit sind, sich authentisch zu zeigen und neue Wege der Ansprache zu gehen. Denn junge Menschen reagieren heute weniger auf klassische Rekrutierungswege, sondern auf echte Einblicke, direkte Kontakte und glaubwürdige Vorbilder.

Genau hier setzt HANZ an. Mit unserer digitalen Berufsbotschafter-Plattform ermöglichen wir Jugendlichen den direkten Austausch mit berufstätigen Menschen – persönlich, niederschwellig und unabhängig von Ort oder Herkunft. So schaffen wir Orientierung und Vertrauen und helfen Unternehmen gleichzeitig dabei, sich als moderne, attraktive Ausbilder zu positionieren.

Für Unternehmen bedeutet das: mehr Nähe, mehr Dialog und mehr digitale Präsenz. Wer sich darauf einlässt, kann nicht nur Nachwuchs gewinnen, sondern auch langfristige Bindung aufbauen. Oft schon über erste Kontaktpunkte wie Schulveranstaltungen, Praktika oder persönliche Gespräche.

Unser Ziel bei HANZ ist es, Brücken zu bauen zwischen den Erwartungen der Jugendlichen und den Angeboten der Unternehmen, damit beide Seiten gewinnen und gemeinsam Zukunft gestalten.

Technologien wie Künstliche Intelligenz verändern Berufsbilder gerade rasant. Sollten Ausbildung und Schulen deshalb künftig stärker auf neue Kompetenzen wie digitale Fähigkeiten, kritisches Denken oder Problemlösung ausgerichtet sein? Also Skills, die auch in der Diskussion um Skills-based Hiring bei Unternehmen eine Rolle spielen?

Ja, unbedingt. Die rasanten technologischen Entwicklungen – insbesondere durch Künstliche Intelligenz – verändern nicht nur Berufsbilder, sondern auch die Anforderungen an Fachkräfte grundlegend. Es reicht nicht mehr, nur fachliche Inhalte zu vermitteln. Schulen und Ausbildungseinrichtungen müssen stärker auf sogenannte Future Skills setzen: digitale Kompetenzen, kritisches Denken, Problemlösungsfähigkeit, Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, sich selbstständig neues Wissen anzueignen.

Gerade in der Diskussion um „Skills-based Hiring“ – also die Auswahl von Mitarbeitenden auf Basis konkreter Fähigkeiten statt rein formaler Abschlüsse – zeigt sich, dass überfachliche Kompetenzen für Unternehmen immer wichtiger werden. Sie sind oft der Schlüssel zur Anpassungsfähigkeit in einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt.

Bei HANZ haben wir diesen Wandel früh erkannt und deshalb eine digitale Plattform entwickelt, die genau auf diese Themen einzahlt. Unser Ziel ist nicht nur Berufsorientierung im klassischen Sinne, sondern die Förderung von Selbstwirksamkeit, digitaler Kompetenz und Eigenverantwortung bei Jugendlichen. Über den Austausch mit echten Berufsbotschafter*innen erhalten junge Menschen praxisnahe Einblicke, entwickeln Soft Skills und lernen, sich aktiv mit ihren beruflichen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.

So stärken wir nicht nur die individuelle Entwicklung, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen – denn wer heute ausbildet, muss auf die Anforderungen von morgen vorbereitet sein.

Vielen Dank für das Gespräch und Ihre wertvollen Einblicke, Frau von Nordeck!

Dieses Interview führte:

Dominik Bernauer

Dominik Bernauer ist Berater, Autor, Blogger und Ghostwriter.
Sein Themenspektrum erstreckt sich über diverse Bereiche wie, Employer Branding, HR, New Work, Digitalisierung, Medien, Marketing und Technologie.
Dominik unterstützt Unternehmen und Organisationen dabei, sich in diesen komplexen Feldern zurechtzufinden und ihre Ziele zu erreichen.

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