HR enttabuisiert das Thema Pflege

HR enttabuisiert das Thema Pflege
Pflege ist in Deutschland ein häufig diskutiertes Thema. So gut wie jeder ist früher oder später, aktiv oder passiv betroffen. Und, dass es gerade bei diesem Thema an allen Ecken und Enden hapert ist weitläufig bekannt. Was das mit der Arbeit, HR und Employer Branding zu tun hat und warum das Thema endlich enttabuisiert werden muss, beleuchten wir im folgenden Beitrag.

Inhalt:

  • Ausgangssituation
  • Arbeit und Pflege
  • Lösungsansätze

Ausgangssituation

Wenn mehr oder weniger jeder mal zu den Betroffenen zählt, ist gleichzeitig auch klar, dass viele Menschen während dieser Phase gleichzeitig auch berufstätig sind.

Die Fakten:

 

Und auch für die kommenden Jahre lässt der demographische Wandel eine sich zuspitzende Situation vermuten, wie folgende Abbildung zeigt:

anzahl der pflegebeduerftigen und ueber 80-jaehrigen in deutschland-bis-2060

Während sich viele Angebote im Employer Branding um Bezahlung, Firmenfahrzeuge, flexible Arbeitszeiten oder Aktienpakete drehen, wird selten mit besonderen Angeboten für die Pflege von Angehörigen geworben. Natürlich gibt es durchaus Unternehmen, die die Pflege mehr in den Vordergrund rücken als andere, aber insgesamt scheint Pflege als Benefit (im Employer Branding) eher ein Tabuthema zu sein. Bei pflegebedürftigen Angehörigen denken wir zumeist an die älteren von uns und vergessen viel zu häufig, dass selbstverständlich auch Kinder oder der eigene Partner in diese Situation kommen können.

pflegebeduerftige in deutschland bis 2015

Arbeit und Pflege

Wann immer ein Mensch einen anderen pflegen muss, bedeutet das eine zeitaufwendige und kraftzehrende Situation für die betroffenen Personen. Eine große Rolle spielt dabei die Tatsache, dass die meisten Menschen die Pflege ihrer Angehörigen gerne selbst übernehmen wollen. „2015 wurden rund 48 Prozent aller Pflegebedürftigen, also 1,38 Millionen Menschen, allein von ihren Angehörigen gepflegt“, schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum im kürzlich erschienen Beitrag „Wenn Berufstätige ihre krebskranken Angehörigen pflegen.“

Der Gesetzgeber sieht für den Fall der Pflege für angestellte Arbeitnehmer einige Regeln vor. Informationen zu den rechtlichen Möglichkeiten (für Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber interessant), finden sich unter anderem bei der Verbraucherzentrale: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/gesundheit-pflege/alles-fuer-pflegende-angehoerige/vereinbarkeit-von-pflege-und-beruf-10918

Trotz der gesetzlichen Regelungen ist es für Unternehmen sinnvoll, sich Gedanken über den eigenen Umgang mit betroffenen Mitarbeitern zu machen. Das Employer Branding um den Faktor „Umgang mit Pflege“ zu erweitern, gibt sicher nicht für alle Kandidaten den entscheidenden Ausschlag zur Bewerbung, aber es ist vor dem Hintergrund der fortschreitenden demographischen Entwicklung mit Sicherheit ein wertvolles Puzzlestück zur Vervollständigung der Arbeitgebermarke.

Lösungsansätze

Einige Unternehmen bieten firmeninterne Familienpflegezeit-Vereinbarungen an. Das sind individuelle Lösungen, die häufig in Zusammenhang mit flexiblen Arbeitszeiten eingesetzt werden. Auch eine grundsätzliche Reduktion der Wochenarbeitszeit mit individueller Verteilung kommt möglicherweise in Frage. Weitere, teilweise bekannte Maßnahmen können den Arbeitnehmer entlasten. Dazu gehören u. a.

  • Job-Sharing
  • Telearbeit / Home Office
  • Hilfe bei der Kinderbetreuung (Kita, Ferienbetreuung, etc.)
  • Vermittlung von Voll- oder Teilzeitpflegeplätzen, Pflegefachkräften
  • Beratungsstelle mit Ansprechpartner für rechtliche Angelegenheiten, Gelder aus der Pflegekasse und sonstige Hilfsmittel, etc.

Das Wichtigste zum Schluss

Die vielleicht wichtigste Maßnahme ist allerdings tiefer verwurzelt. Die meisten betroffenen Mitarbeiter teilen ihre belastende Situation nicht mal mit ihren Kollegen. Und mit den Vorgesetzten schon gar nicht. Die Angst nicht auf das notwendige Verständnis im Arbeitsumfeld zu treffen oder im schlimmsten Fall sogar die quälende Sorge den Job zu verlieren, spielen hier eine große Rolle.

Um solchen Ängsten – die immer auch eine Auswirkung auf die Qualität der Arbeit haben –vorzubeugen, hilft eine Unternehmenskultur, die das Thema Pflege nicht tabuisiert und Hürden für das offene Gespräch beseitigt. Eine Unternehmenskultur, die die Bedeutung dieser für alle schwierigen Situation ernst nimmt und Lösungsansätze bietet.

Je einfacher die Kommunikation und der offene Umgang mit der Situation gemacht wird, desto leichter wird die Bewältigung der Herausforderungen fallen.

Durch die Schaffung einer entsprechenden Unternehmenskultur könnte die Arbeitgebermarke gleich doppelt profitieren. Bei der offenen Kommunikation nach außen kann sie zur Steigerung der Attraktivität des Arbeitgebers beitragen. Nach innen hin kann sie dazu beitragen die Personalfluktuation zu senken und das Betriebsklima verbessern.

Wie so oft sind die Unternehmen am besten bedient, die die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkennen und entsprechend agieren.

Unsere demographische Entwicklung ist – zumindest für die nächsten Jahrzehnte – nicht mehr ausreichend beeinflussbar. Umso wichtiger ist es, die Sorgen der Arbeitnehmer ernst zu nehmen. Für HR zeigt sich eine gute Ausgangsposition Verantwortung zu übernehmen und damit eine führende Rolle in der Angelegenheit einzunehmen.

 

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